Neues zum Willy-Spahn-Park

Es gehört zu den Aufgaben des Historikers wie des Heimatkundlers, in alten Dokumenten zu recherchieren. Freilich entdeckt man dabei immer wieder, dass mündlich überlieferte Geschichten nicht so ganz richtig oder zumindest nicht vollständig weitergegeben worden sind. Die Verlässlichkeit von „oral history“ ist begrenzt.

 

Der Erwerb des Kalkbruchs

So ist jüngst der notarielle Kaufvertrag aufgefunden worden, mit dem der Kaufmann Willy Spahn aus der Knochenhauerstraße 44 in Hannover, ausgewiesen durch einen Führerschein der Kreisdirektion Wolfenbüttel vom 28.11.1921 den wesentlichen Teil des Geländes des heutigen Willy-Spahn-Parks erworben hat. Neu ist das Datum: der Vertrag datiert vom 07.03.1941. Damit haben sich entgegen den bisherigen Angaben der Landeshauptstadt in ihrer Parkbroschüre die Indizien eindeutig bestätigt, die bereits bislang auf den Grundstückserwerb 1941 hinwiesen (siehe „Ahlemer Geschichten“, 2015, Seiten 84 f.). Und er erwarb mit 2 weiteren Verträgen vom 30.05.1941 weitere kleine Parzellen hinzu, sodass ihm dann insgesamt eine Fläche von 5,32 ha gehörte.

 

Diese Größenangabe wird nun diejenigen stutzig machen, die in vielen Quellen lesen können, der Park habe eine Größe von knapp 4 ha. Er umfasst nämlich nicht den gesamten Bereich der früher betriebenen Obstplantage. So sind bereits zwischen 1961 und 1975 mehrere Grundstücke im Bereich des Lohkamps für Siedlungs-und Postzwecke veräußert worden, die wichtiger Bestandteil der Obstplantage gewesen sind. Ein alliiertes Luftbild vom 25.04.1945 zeigt deutlich, dass ca. 35 – 40 % der von Obstbäumen bestandenen Fläche heute nicht zum Park gehört, abgesehen davon, dass Ende der 90-er Jahre nochmals 3 weitere Teilflächen ebenfalls einer anderen Nutzung zugeführt worden sind.

 

Verkäufer der Hauptfläche des Parks war seinerzeit der Fuhrunternehmer Walter Borges (1911 – 1983) aus Hannover-Linden, Sohn des Kaufmanns Heinrich Borges (1862 – 1937) aus Landringhausen, der 1920 „das ausgebeutete Ahlemer Kalkwerk“ von der Witwe Besser gekauft und am 12.03.1936 seinem Sohn übereignet hatte. Heinrich Borges war es auch, der 1925 den heute unter Denkmalschutz stehenden Kalkringofen veranlasste und noch 1929 einen neuen Kalkschachtofen plante, zu dessen Bau es dann nicht mehr kam.

 

Der Einsatz von Zwangsarbeitern

Ausweislich des Kaufvertrages von 1941 beabsichtigte Willy Spahn von Anfang an die „Einrichtung einer Obstplantage“. Um Kalkbrennen ging es ja längst nicht mehr, obwohl sich noch Schienen, Loren, Werkzeuge etc. auf dem Gelände befanden.

 

Spahn beschrieb die Situation später in einem Schreiben an die Bezirksregierung Hannover vom 02.04.1980: „Tiefe Gräben und Löcher durchzogen das Werksgelände. Reste von ehemaligen Brennöfen und Schuppen … türmten sich in meterhohen Abraumhalden. Den ganzen 2. Weltkrieg über haben 8 Gefangene und mehrere Rentner mit Kipploren auf Gleisen daran gearbeitet, diese Abraumhalden bis auf die gewachsene Bodenfläche abzutragen. Nach dem 2. Weltkrieg habe ich dann unter der Aufsicht eines Gärtnermeisters hier eine Obstplantage anlegen lassen …“ Damit haben wir so ganz nebenbei das Eingeständnis von Zwangsarbeit, für die es schon bislang recht eindeutige Hinweise gegeben hat (siehe „Ahlemer Geschichten“, 2015, Seiten 85 und 156). Insbesondere sowjetische Kriegsgefangene sind im Weltkrieg, ausgerichtet an der Rassenhierarchie der NS-Ideologie, nicht entsprechend bestehender völkerrechtlicher Verpflichtungen behandelt worden. Kriegsgefangene, die zur Arbeit eingesetzt wurden, verrichteten daher im völkerrechtlichen Sinne Zwangsarbeit. Von ca. 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen starben in deutscher Gefangenschaft ca. 3,3 Millionen.

 

Willy Spahn ließ übrigens auf dem angeblichen Trümmerfeld bereits im April 1942 ein Wochenendhaus errichten – obwohl in dem Kalkbruch grundbuchlich Wohnen nicht gestattet war – und meldete sich dann im Juli 1943 von Braunschweig, Lange Dammstraße 22 in Ahlem mit der Adresse Wunstorferlandstraße 73 an (und im Mai 1945 nach Hannover wieder ab).

 

Der Erhalt des Brennofens

Die späteren testamentarischen Verfügungen und insbesondere auch der Vertrag mit der Landeshauptstadt zur Errichtung einer unselbständigen Stiftung spiegeln den nachdrücklichen Wunsch der Eheleute Emilie und Willy Spahn wieder, „in Hannover-Ahlem für die Öffentlichkeit einen „Willy-Spahn-Park“ einzurichten“. Dazu gehörte für sie hauptsächlich der „Ausbau der Wege zu einem öffentlichen Park“. Keine Rolle spielte für das Ehepaar offenbar der Erhalt des Kalkbrennofens. Im Gegenteil: bei der Testamentsvollstreckung findet sich noch unter dem 11.03.2005 die Bemerkung: „Ich war mit Herrn Spahn einig, dass sämtliche Bauten auch der Brennofen entfernt werden sollten. Der gesamte Bauschutt sollte in ein vorhandenes Loch im Westen des Parks verschwinden und mit Mutterboden zugedeckt werden. … Herr Spahn bezeichnete den Brennofen als alte Bruchbude, die verschwinden müsste.“ Und weiter bereits am 21.11.1997: „Die hochtrabenden Pläne für den Erhalt, Umbau oder Sanierung des Brennofens … müssen wir auf das schärfste verurteilen, weil diese Maßnahmen nicht dem Willen des Stifters entsprechen.“

 

Heute

können wir froh sein, dass dieser Stifterwille im Stiftungsvertrag keinen rechtlich bindenden Niederschlag gefunden hatte und es dann noch gelungen ist, den Kalkbrennofen als wichtiges Industriedenkmal unserer Region zu erhalten. Gerade dieses von Heinrich Borges veranlasste industrielle Kleinod macht den besonderen Reiz des Willy-Spahn-Parks, wie wir ihn schätzen, aus.

 

Siegfried Frohner

11.06.2019